Ihre einzigartige Haltung und versierte Balance zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Bild und Wort sowie Heimat und Ferne zeichnen sie aus – Christine Moderbacher ist diesjährige Auslandsösterreicherin des Jahres. Im Rahmen der Weltbundtagung 2025 wurde sie dazu, nahe ihrem Heimatort, im Landhaus der niederösterreichischen Hauptstadt St. Pölten prämiert. Im Laufe ihrer Karriere durfte Moderbacher bereits große Erfolge feiern – internationale Filmpreise, Auszeichnungen und Errungenschaften in der anthropologischen Forschung. Ihre Werke, akademisch und künstlerisch, zeichnen sich durch die Kraft der Gegensätze und einem tiefen Verständnis über das Menschsein aus.

Christine Moderbacher, 1982 in Wien geboren und in Niederösterreich (Ratzersdorf/St. Pölten) aufgewachsen, ist Anthropologin, Filmemacherin und Geschichtenerzählerin. Ihre Arbeit bewegt sich seit jeher zwischen persönlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Reflexion und verbindet Kunst und Forschung auf einzigartige Weise.
„Ich will in meinen Geschichten Menschlichkeit in ihren unterschiedlichsten Facetten beleuchten, will mit meinen Arbeiten berühren, provozieren und überraschen. Manchmal geht das besser im Film und dann eben wieder mal mit einem langen Forschungsprojekt.“
Dr. Christine Moderbacher, AÖdJ 2025
Frühe Jahre und erste Auslandserfahrungen
Schon als Jugendliche zog es sie hinaus in die Welt. Nach der Matura in St. Pölten verbrachte sie ein Jahr in den USA, wo sie Teil eines Schwimmteams war.
Dort begegnete sie erstmals intensiver der arabischen Kultur – ein marokkanischer Schwimmtrainer, der täglich laute arabische Musik auflegte, weckte ihr Interesse an dieser Region.
Zurück in Österreich absolvierte sie ein Studium für Deutsch als Fremdsprache, verbunden mit der Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. 2004 führte sie dieser Weg nach Tunesien – damals ein Land, das unter jungen Europäerinnen noch wenig gefragt war. Moderbacher verbrachte dort zwei Jahre, lernte die Sprache, das Alltagsleben und soziale Unterschiede kennen. Diese Erfahrung prägte ihr Denken und war der entscheidende Anstoß, sich wissenschaftlich mit Fragen von Kolonialismus, Migration und kultureller Zugehörigkeit auseinanderzusetzen. Das Maghreb-Land blieb lange ein Lebensmittelpunkt Moderbachers, so war sie auch neun Jahre mit einem Tunesier verheiratet.
Studium und Wege in die Anthropologie
Nach ihrer Rückkehr nach Wien begann sie ein Studium der Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien, das sie mit Auszeichnung abschloss. Hier beschäftigte sie sich besonders mit Migration und Medien. Parallel verfasste sie Beiträge für Magazine und Radiosendungen – erste Formen, Geschichten zu erzählen und komplexe Themen für ein Publikum aufzubereiten.
Während des Studiums entdeckte sie auch das Medium Film als Ausdrucksform für anthropologische Forschung. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen realisierte sie 2006/07 erste filmische Arbeiten über Migration aus Tunesien nach Europa.
2009/2010 folgte ein Masterstudium in Visueller Anthropologie an der University of Manchester, ebenfalls mit Auszeichnung. Anschließend vertiefte sie im Rahmen des belgischen Programms Sound Image Culture (SIC) ihren Zugang zur Verbindung von Forschung und künstlerischer Praxis.
2013 begann sie ihre Promotion an der Universität Aberdeen, im Projekt Knowing from the Inside von Tim Ingold. Ihre Dissertation Crafting Lives in Brussels. Making and Mobility on the Margins (2019, mit Auszeichnung) widmete sich Marginalisierung und Migration im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, den sie nicht nur beforschte, sondern auch durch persönliche Erfahrungen in einer dortigen Tischlerei verinnerlichte – Gesellenprüfung inklusive.
Moderbachers Medium Film
Das Geschichtenerzählen zieht sich wie ein roter Faden durch Christine Moderbachers Leben. Ihre Filme sind poetische und gleichzeitig sozialkritische Essays, in denen sich persönliche Perspektiven mit großen politischen Fragen verweben.
Bereits während des SIC-Lehrgangs entstand Lettre à Mohamed (2013), eine filmische Auseinandersetzung mit Tunesien nach der Revolution von 2011.
Mit Super-8-Ästhetik, Reinszenierungen und Begegnungen vor Ort schuf sie ein kaleidoskopisches Bild zwischen Euphorie, Ernüchterung und Hoffnung. Der Film lief auf internationalen Festivals, wurde mehrfach ausgezeichnet und positiv von der Kritik aufgenommen.
Es folgte Rote Erde, weißer Schnee (2018), ein zutiefst persönlicher Film, den sie gemeinsam mit ihrem Vater realisierte. Der lebenslange Straßenarbeiter, der kaum außerhalb Österreichs gereist war, begab sich in der Pension nach Nigeria, um dort beim Bau einer Schule zu helfen. Moderbacher begleitete ihn mit der Kamera. Entstanden ist ein vielschichtiges Werk über Entwicklungszusammenarbeit, über die Kluft zwischen Weltregionen – und über das Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Kritiker lobten die Authentizität, den Mut zur Offenheit und die intensive persönliche Dimension. Der Film wurde auf Festivalbühnen vielfach gezeigt und ausgezeichnet.
Ihr bisher jüngstes größeres Werk ist The world is blue at its edges (2021), das ebenfalls international Beachtung fand. Ergänzt wird ihr künstlerisches Schaffen durch Videoarbeiten, Essays und Toninstallationen.
Akademische Laufbahn und Forschung
Parallel zu ihrer künstlerischen Arbeit verfolgt Christine Moderbacher eine wissenschaftliche Karriere. Ihr Forschungsinteresse bewegt sich an den Schnittstellen von Mobilität, Migration, Visueller Anthropologie sowie Fragen von Boden und Zugehörigkeit.
Seit 2019 ist sie Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale), wo sie in der unabhängigen Forschungsgruppe Alpine Geschichten des globalen Wandels arbeitet. Dort untersucht sie unter anderem, wie Menschen ihre Beziehung zum „Boden“ – sowohl im wörtlichen wie übertragenen Sinn – verstehen, und wie diese Vorstellungen auch mit politischen und ideologischen Haltungen zusammenhängen können.
Ihre wissenschaftliche Tätigkeit führt sie oft in interdisziplinäre Kontexte: Sie lehrte unter anderem am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (seit 2020) sowie 2022/23 als Gastprofessorin an der renommierten Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Seit 2025 unterrichtet sie auch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle.
Arbeitsweise und methodischer Zugang
Moderbachers Arbeit ist geprägt von einem sehr persönlichen Zugang. „Die spannendsten Filme fangen mit einem persönlichen Zugang an“, sagt sie selbst. Ihre Methode des Erzählens ist dabei nie rein beobachtend, sondern dialogisch und offensiv: Sie macht deutlich, dass jede Darstellung subjektiv ist, dass jede ethnographische Arbeit Haltung erfordert.
In Interviews wie auch in ihren Schriften betont sie, dass Geschichten Empathie erzeugen – auch wenn sie keine Lösungen bieten, gehen sie doch allen Lösungen voraus. Diese Haltung verbindet ihre Arbeit in Film wie in Wissenschaft: eine tiefe Überzeugung, dass Erzählen Begegnungen ermöglicht, Unterschiede erfahrbar und Gemeinsamkeiten spürbar macht.
Leben als Auslandsösterreicherin
Christine Moderbacher lebt mit ihren zwei Kindern in Halle (Saale). Sie spricht Deutsch und Englisch fließend, Französisch und Italienisch auf mittlerem Niveau sowie Basiskenntnisse in Flämisch und Tunesisch-Arabisch.
Als Kosmopolitin hat sie viele Jahre in verschiedenen Ländern gelebt: in den USA, England, Belgien, Tunesien und Italien. So sehr sie die Bewegung zwischen unterschiedlichen Welten prägt, so sehr kehrt sie auch immer wieder nach Österreich zurück, das für sie ein wichtiger Bezugspunkt geblieben ist. Sie beschreibt das Reisen oft als eine Art Verliebtheit: „Ein neues Land kennenzulernen, das ist wie verliebt sein.“
Christine Moderbacher ist eine außergewöhnliche Brückenbauerin zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftspolitischer Reflexion, zwischen Niederösterreich, Afrika, dem arabischen Raum und Europa. Ihre Arbeit lebt von Gegensätzen – und davon, Menschen in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen.
Ob in ihren dokumentarischen Essays, ihren Forschungen über Migration und Zugehörigkeit oder ihrer Lehrtätigkeit: Ihr gelingt es, jeweils neue Perspektiven zu öffnen und uns einzuladen, genauer hinzusehen und mitzudenken.
Mit der Auszeichnung als Auslandsösterreicherin des Jahres 2025 wird Christine Moderbacher für ein Werk geehrt, das Geschichten sucht, wo sich die großen Fragen unserer Zeit im Alltag und in Begegnungen verdichten – und das dabei stets Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Christine Moderbachers Reise als Auslandsösterreicherin startet ab 2026 in die nächste spannende Runde – mit einer Professur für Visual and Multimodal Anthropology an der Arctic University of Norway in Tromsø, Norwegen.
Akademische Positionen
| Zeit | |
| Seit 2019 | Postdoctoral Researcher, Forschungsgruppe Alpine Geschichten des globalen Wandels, Max Planck Institut für ethnologische Forschung |
| Seit 2020 | Lehrende am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie, Martin Luther Universität Halle |
| 2020 – 21 | Lehrende am Institut für Medienwissenschaften, Martin Luther Universität Halle |
| 2022 – 23 | Gastprofessur: Film und Wissen, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf |
| Seit 2025 | Lehrende an der Kunsthochschule Burg Giebichstein |
| Ab 2026 | Professur für Visual and Multimodal Anthropology an der Arctic University of Norway |
Auszeichnungen für Visuelle Medien (Auswahl)
| Jahr | |
| 2014 | Jurypreis: Bester Film für A Letter to Mohamed, Sorrento Film Festival |
| 2015 | Anerkennungspreis Kunstfilm, Land Niederösterreich |
| 2019 | Nominiert für den Austrian Documentary Award (ADA), Ethnocineca Filmfestival |
| 2020 | Bester Film, Vizantrop Festival, Belgrad |
Filmografie (Auswahl)
| Jahr | Titel | Zugriff |
| 2010 | Männer in Orange | raifilm.org.uk/films/men-at-work/ |
| 2013 | Ein Brief an Mohamed | sixpackfilm.com/en/catalogue/2083 |
| 2018 | Rote Erde Weisser Schnee | sixpackfilm.com/en/catalogue/2444 |
| 2021 | Die Welt ist an ihren Rändern blau | sixpackfilm.com/en/catalogue/2678 |
Quelle: Privat Christine Moderbacher

