Der ORF-Stiftungsrat hat den Medienmanager und Politikwissenschaftler Clemens Pig zum neuen Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich bestellt. Der ORF ist das größte Medienunternehmen im Land, betreibt Fernsehsender von ORF 1 bis ORF Sport +, zahlreiche Radios, neun Landesstudios und ein immer breiter werdendes Online-Angebot. Der bisherige APA-CEO Pig erhielt 21 von 35 Stimmen und erreichte damit bereits im ersten Wahlgang die notwendige Mehrheit. Der Entscheidung war mit einer Dauer von rund 15 Stunden die längste Sitzung des Stiftungsrats vorausgegangen.
Neben Clemens Pig stellten sich auch weitere Personen dem Hearing und Auswahlverfahren. Insgesamt hatten sich 75 Personen für die ORF-Spitze beworben, von denen laut Findungskommission nur 13 die Ausschreibungskriterien erfüllten. Neun Kandidatinnen und Kandidaten wurden schließlich zum Hearing vor dem Stiftungsrat eingeladen. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer bezeichnete das Ergebnis als klares Votum für Pigs Konzept. Laut dem Gremium wurden im Auswahlverfahren sämtliche Anforderungen des erstmals anzuwendenden Europäischen Medienfreiheitsgesetzes hinsichtlich Gleichbehandlung, Transparenz und Nachvollziehbarkeit erfüllt.

Clemens Pig © APA
Finanzen und Digitaloffensive als Herausforderung
In einer ersten Stellungnahme kündigte Pig an, bereits am Tag nach seiner Wahl gemeinsam mit der interimistischen ORF-Leiterin Ingrid Thurnher an den bevorstehenden Herausforderungen arbeiten zu wollen. Thurnher übernahm im März die Führung des Rundfunks nachdem der ehemalige Generalsekretär Roland Weißmann unter turbulenten Umständen zurücktrat. Als neue zentrale Aufgaben nannte Clemens Pig nun den Aufbau von Vertrauen und Legitimation, die Bewältigung der Finanzierungskrise sowie die Weiterentwicklung des ORF zu einer digitalen Plattform. Sein Ziel sei es, den ORF von einem klassischen Rundfunkunternehmen zu einer „Plattform der Gesellschaft“ weiterzuentwickeln. Besonderes Augenmerk möchte Pig dabei auf regionale Inhalte, Streaming-Angebote und neue Formate für junge Menschen legen.
Der 1974 in Innsbruck geborene Politikwissenschaftler steht seit vielen Jahren in der österreichischen Medienbranche. Nach seinem Einstieg in die Geschäftsleitung der APA im Jahr 2008 wurde er 2016 Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung der Nachrichtenagentur. Vor dem ORF und damit vor Pig als neuem Generalsekretär liegen erhebliche finanzielle Herausforderungen. Das Unternehmen muss künftig auf rund 93 Millionen Euro pro Jahr verzichten. Zudem bleibt der ORF-Beitrag in Form der Haushaltsabgabe von 15,30 Euro monatlich bis 2029 eingefroren. Pig sprach sich für die Beibehaltung der Haushaltsabgabe aus und bezeichnete sie als Grundlage eines „Dienstleistungsversprechens“ gegenüber dem Publikum.
Zu seinen ersten Aufgaben zählt die Besetzung weiterer Führungspositionen im ORF. Neben den bestehenden neun Landesdirektorinnen und Landesdirektoren sollen vier zentrale Direktionen für Finanzen, Technologie und Innovation, Programm und Marken sowie Audience und Plattformen geschaffen werden. Pig kündigt an dabei auf ein striktes Geschlechterverhältnis achten zu wollen.
Kritik und Sorge um fortbestehende politische Einflussnahme im ORF
Kritik an der Wahl von Clemens Pig kam unter anderem vom FPÖ-nominierten Stiftungsrat Peter Westenthaler, der die Bestellung als parteipolitisch motiviert bezeichnete und eine Anfechtung angekündigt hatte. Nach dem Gesetz können auch unterlegene Bewerberinnen und Bewerber sowie weitere berechtigte Gruppen die Bestellung bei der Medienbehörde KommAustria anfechten.
Im Zusammenhang mit der Wahl meldete sich auch die zivilgesellschaftliche Organisation #aufstehn zu Wort. Sie sieht weiterhin den Eindruck einer parteipolitisch beeinflussten Postenbesetzung. Die Organisation betonte, ihre Kritik richte sich nicht gegen die Person Clemens Pig, sondern gegen ein System, das politische Einflussnahme bei der Besetzung der ORF-Spitze begünstige. Bereits im Vorfeld der Wahl hatten laut #aufstehn mehr als 17.000 Menschen eine Petition für eine faire, transparente und unabhängige Besetzung der ORF-Führung unterstützt. Die Organisation fordert von der Bundesregierung eine Entpolitisierung des ORF sowie Reformen der Gremien- und Entscheidungsstrukturen, um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks langfristig zu stärken.
Quellen: ORF: APA-CEO Pig zu Generaldirektor gekürt – news.ORF.at | #aufstehn zur ORF-Wahl: Eindruck parteipolitischer Postenbesetzung bleibt bestehen
