Am 8. November wurde Cornelia Richter im Wiener Museumsquartier als erste Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich in ihr Amt eingeführt. Mehr als 1.000 Menschen aus Kirche, Politik und Öffentlichkeit feierten den Festgottesdienst mit, in dessen Rahmen zugleich der scheidende Bischof Michael Chalupka verabschiedet wurde. Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Sozialministerin Korinna Schumann, Innenminister Gerhard Karner sowie Kirchenvertreter aus Österreich und dem Ausland würdigten das historische Ereignis. Die Synode hatte Richter bereits im Mai im ersten Wahlgang zur neuen geistlichen Leiterin gewählt – ein Meilenstein in der über 500-jährigen Geschichte des österreichischen Protestantismus.

Cornelia Richter, 55, stammt aus Bad Goisern, wo sie in einer Pfarrersfamilie aufwuchs. Nach dem Theologiestudium in Wien und München führte sie ihr beruflicher Weg an verschiedene Universitäten in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Dänemark. Seit 2012 lehrt sie an der Universität Bonn, zunächst als Professorin für Systematische Theologie, später als Professorin für Dogmatik und Religionsphilosophie. Dort war sie die erste Dekanin der Evangelisch-Theologischen Fakultät und ab 2024 erste weibliche Vorsitzende des Senats. Als Auslandsösterreicherin blieb sie ihrer Heimat eng verbunden: In Bad Goisern wirkte sie regelmäßig als ehrenamtliche Pfarrerin, in Bonn predigte sie seit Jahren an der Schlosskirche, die sie seit 2024 als Universitätspredigerin leitet.
Die neue Bischöfin ist zudem Expertin in Resilienzforschung und Mitdirektorin des Bonner Instituts für Hermeneutik. Auch in der Evangelischen Kirche Deutschland, der Evangelischen Kirche im Rheinland und in der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich war sie über viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen tätig. Diese Vielfalt an akademischen und kirchlichen Erfahrungen würdigte ihr Vorgänger Chalupka ausdrücklich: Die Verbindung von universitärer Theologie und Gemeindepraxis sei ein starkes Fundament für das Leitungsamt, sagte er. Richter werde „das Evangelium zur Sprache bringen und die Herzen der Menschen berühren“.
In ihrer Predigt stellte Richter das Magnificat ins Zentrum – den Lobgesang der Maria, den sie als „Hymne des Vertrauens und Zutrauens in die weltbewegende Macht Gottes“ beschrieb. In Zeiten voller Krisen und gesellschaftlicher Spannungen brauche es Menschen, die Zuversicht wecken und Gemeinschaften, „die sich nicht schrecken lassen von dem, was ist“. Sie rief dazu auf, die Vision der Bergpredigt im Alltag ernst zu nehmen und sich Hass, Gewalt und Spaltung entgegenzustellen. Daraus könne „neue Hoffnung und Kraft“ entstehen, so Richter, die die Mitfeiernden ermutigte: „Kommt, lasst es uns versuchen!“

Bundespräsident Van der Bellen gratulierte der neuen Bischöfin persönlich und würdigte ihre internationale Erfahrung wie auch ihr Engagement für ein friedliches Zusammenleben. Sozialministerin Schumann hob die Bedeutung weiblicher Führungspersönlichkeiten hervor und dankte Chalupka für dessen Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Menschen auf der Flucht. Auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Kirchen – darunter der designierte katholische Erzbischof Josef Grünwidl, Bischof Manfred Scheuer, die altkatholische Bischöfin Maria Kubin sowie reformierte und methodistische Repräsentanten – überbrachten Segensworte.
Die Verabschiedung Chalupkas, der nach Erreichen der Altersgrenze mit 1. Jänner 2026 in den Ruhestand tritt, wurde von Dankesworten begleitet. Synodenpräsidentin Ingrid Monjencs erinnerte an sein Wirken während der Pandemie, seine Initiativen zur Bewahrung der Schöpfung und sein Projekt „Aus dem Evangelium leben“. Chalupka selbst betonte, Kirche müsse ein „Erprobungsraum einer besseren Welt“ sein, in dem die biblischen Erfahrungen von Versöhnung und Veränderung immer wieder neu lebendig werden.

Im Vorfeld der Amtseinführung waren Richter und Chalupka von Kultusministerin Claudia Plakolm empfangen worden. Im Mittelpunkt standen die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen sowie der Wunsch, die evangelische Tradition als Teil der österreichischen Erinnerungskultur stärker sichtbar zu machen. Richter und Chalupka betonten die Bedeutung der Einheit der Christen – gerade in einer pluralen Gesellschaft.
Die Evangelische Kirche in Österreich zählt rund 237.000 Mitglieder der lutherischen Kirche A.B., etwa 11.000 reformierte Christinnen und Christen der H.B.-Kirche sowie rund 1.500 Angehörige der evangelisch-methodistischen Kirche. Gemeinsam bilden sie eine traditionsreiche christliche Gemeinschaft innerhalb Österreichs, die in ökumenischer Verbundenheit mit den anderen Kirchen steht – und nun erstmals von einer Bischöfin geleitet wird.
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Quellen: Österreich: Erste evangelische Bischöfin in Amt eingeführt – religion.ORF.at | Erste evangelische Bischöfin Österreichs ins Amt eingeführt | Erste evangelische Bischöfin Cornelia Richter feierlich in ihr Amt eingeführt | Erste evangelische Bischöfin: Cornelia Richter wurde feierlich in ihr Amt eingeführt › Evangelische Kirche in Österreich | Fotos › Evangelische Kirche in Österreich

