Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) forderte im Jänner im Rahmen einer bereits im Herbst angekündigten Bildungsreform neben anderen Schritten auch die Kürzung des Lateinunterrichts in Österreichs Gymnasien von zwölf auf acht Wochenstunden. Dieser Schritt dient unter anderem der Einführung eines neuen von Wiederkehr angepeilten Schulfachs: Medien und Demokratie. Darüber hinaus soll „Künstliche Intelligenz in jedem Fach vorkommen“. Die Ankündigung der Reformpläne löste eine breite Debatte über Bildungsziele, den Wert des Sprachenunterrichts und die Zukunftsfähigkeit des österreichischen Bildungssystems aus. Der Minister hält an seinem Vorhaben fest und will Ende März sein Reformprojekt „Plan Zukunft“ präsentieren.

© Luca Tosoni | Unsplash

Demokratiebildung und Künstliche Intelligenz auf Kosten des Sprachenunterrichts?

Aus dem derzeitigen Gegenstand Informatik solle das Unterrichtsfach „Informatik und künstliche Intelligenz“ entstehen. Zudem steht die Einführung des gänzlich neuen Schulfachs „Medien und Demokratie“ auf dem Plan des seit letztem Jahr amtierenden Bildungsministers. Diesbezüglich wurden im Jänner knapp 45.000 Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte befragt, wodurch sich Wiederkehr in seinen Plänen bestärkt sah. Für die Neuschaffung eines solchen Gegenstands benötige man allerdings auch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte, betonen Vertreter der Lehrergewerkschaft – für die Ausbildung werde gesorgt werden, versichert der Bildungsminister, allerdings ginge es primär um die Vermittlung der Inhalte. Neben Latein soll nach Wiederkehr auch der Unterricht der lebenden Fremdsprachen, wie zum Beispiel Französisch, Italienisch oder Spanisch von Kürzungen betroffen sein – für viele ein großer Kritikpunkt, vor allem angesichts der Notwendigkeit interkultureller Kompetenzen in Zeiten der globalen Vernetzung. Der Bildungsminister setzte zur Ausarbeitung eines neuen Lehrplans eine sechsköpfige Expertengruppe ein – Ende Februar trat diese allerdings wegen „grundlegender Auffassungsunterschiede mit dem Ministerium“ zurück.

Pläne stoßen auf starken Gegenwind

Klare Kritik an den Plänen kam zunächst von der Lehrervertretung an den Allgemein Bildenden Höheren Schulen (AHS) bzw. Gymnasien. Die Industriellenvereinigung, Wirtschaftskammer und auch UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, äußerten sich hingegen weitgehend positiv über eine Veränderung der Lehrpläne hin zu mehr Bildung digitaler Kompetenz. Einige Stimmen betonen auch, dass es über diese Debatte hinaus eigentlich weitaus dringenderer Problemlösungen bedarf, so haben zum Beispiel laut OECD mindestens 1,7 Millionen erwachsene Personen in Österreich schwerwiegende Einschränkungen bei Lese-, Schreib- oder Rechenfähigkeiten.

Für große Aufmerksamkeit sorgte diesbezüglich vor allem eine von knapp 100 prominenten Personen und mittlerweile fast 40.000 weiteren Menschen unterzeichnete Petition gegen die angekündigten Reformpläne und gegen die Kürzung des Latein-Unterrichts. So setzten unter anderen die beiden Nobelpreisträger für Literatur Peter Handke und Elfriede Jelinek, der Nobelpreisträger für Physik Anton Zeilinger sowie Alt-Bundespräsident Heinz Fischer und Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky ihre Signatur unter den offenen Brief an Bildungsminister Wiederkehr. Darin heißt es, man sei „auf Grund unserer Ausbildung und unseres Wissens davon überzeugt, dass die humanistische Bildung, die den Blick über Jahrtausende der Geistesgeschichte ermöglicht, einen unverzichtbaren Beitrag zur Heranbildung mündiger, selbst denkender Staatsbürger:innen leistet.“

…betonen zahlreiche gewichtige Persönlichkeiten in einer Petition gegen die angekündigten Kürzungen (Latein ist kein Luxus – es ist Bildung | mein #aufstehn)

G’scheiter dank Latein?

Expertinnen und Experten betonen darüber hinaus auch die besonderen Eigenheiten des Lateinunterrichts und seiner Vorteile: der Erwerb von Übersetzungsfähigkeiten, langsames und genaues Lesen, Vorbeugung rhetorischer Manipulation sowie Interpretationskompetenz oder die sprachenübergreifende Fähigkeit zur komplexen Satzproduktion. Auch die Auseinandersetzung mit zeitlosen und universell ansprechenden Texten und Geschichten über die Herausforderungen des Lebens, Liebe und Philosophie sei ein wichtiger Bildungsfaktor. Manche betonen auch vermeintlich kognitive leistungssteigernde Effekte des Lateinunterrichts – solche wurden aber bisher nicht wirklich wissenschaftlich nachgewiesen. Bildungsminister Wiederkehr sieht die derzeitige Debatte jedoch eher begründet in einer „medial inszenierten Zuspitzung“. Er hält trotz zahlreicher kritischer Stimmen an seinen Reformplänen fest.

Die Debatte um den Wert des Lateinunterrichts löste auch ähnliche Diskussionen in Bezug auf die Universitäten aus. Dort ist es nämlich der Fall, dass ein im Gymnasium oder im Rahmen einer Zusatzprüfung abgelegter Nachweis über Lateinkenntnisse zum Teil Voraussetzung zur Studienzulassung oder zum Studienabschluss ist. Latein-Voraussetzungen seien in einigen Studien nicht unbedingt fachlich notwendig, heißt es dazu beispielsweise von der größten Hochschule des Landes, der Universität Wien. In Zukunft wolle man darüber als Universität selbst entscheiden – Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) kündigte unter anderem dazu entsprechende Gesetzesprüfungen an.

Mehr Chancengerechtigkeit durch längere Volksschule?

Neben der in Angriff genommenen Lehrplanänderung wünscht sich der Bildungsminister zudem auch eine Verlängerung der Volksschule für Österreichs jüngste Schülerinnen und Schüler von vier auf sechs Jahre. Es gehe dabei um Chancengleichheit und den Versuch sich hier zahlreichen europäischen Ländern anzuschließen in denen dies in der Primarstufenbildung bereits der Fall ist – ein diesbezügliches Projekt sei bereits im Regierungsprogramm festgelegt worden.

Vorläuferin soll dabei die Stadt Wien werden. Wiederkehr ist sich des drastischen Wandels bewusst der dadurch bestritten wird und spricht hier von einem „kompletten Systemwechsel“. Gerade deswegen soll es zu einem „behutsam“ wissenschaftlich betreuten Probelauf kommen. Die beiden Schulmodelle in der Sekundarstufe I, also Mittelschule und Unterstufengymnasium sollen natürlich erhalten bleiben – allerdings kann sich der Bildungsminister auch hier Kürzungen vorstellen. Die Sekundarstufe II, also AHS-Oberstufen (Oberstufengymnasien) und BHS sind für derartige Reformen nicht vorgesehen.

Auch diese Pläne stoßen allerdings auf starken Gegenwind vom Koalitionspartner ÖVP. Wiederkehr finde nach eigenen Angaben allerdings unterstützende Kräfte in allen Parteien. Als solides Argument für die Verlängerung der Volksschule diene auch die „Evidenz aus über 30 Ländern“.

Lehrkräfte als Manager

Ein weiterer Reformpunkt für den NEOS-Minister ist die Einführung eines „mittleren Managements“ an Österreichs Schulen. Dafür sollen zusätzlich 20 Millionen Euro im Jahr aufgewendet werden. Diese neue Verwaltungsebene im Bildungssystem soll bei der Bewältigung durch beispielsweise Migration und Digitalisierung bedingte Herausforderungen behilflich sein. Lehrkräften ermögliche man durch diese zusätzlichen Aufgabenbereiche auch gewisse Aufstiegsmöglichkeiten. Aufgrund der geringen Anzahl an Unterstützungspersonal stünden hier besonders die Pflichtschulen im Fokus, also jene Schulen an denen die neunjährige Schulpflicht absolviert wird.

Quellen: „Pädagogisch unhaltbar“: Prominente rufen gegen Kürzungen bei Latein an Schulen auf – Bildung – derStandard.at › Inland | Prominenter Widerstand gegen Kürzung bei Lateinstunden – news.ORF.at | „Nicht zwingend erforderlich“: Uni Wien will selbst über Latein-Voraussetzungen entscheiden – Bildung – derStandard.at › Inland | Universitätsberechtigungsverordnung: Wofür es an der Uni Latein braucht – science.ORF.at | Jetzt unterzeichnen: Latein ist kein Luxus – es ist Bildung | mein #aufstehn | AHS: Widerstand gegen Kürzung bei lebenden Fremdsprachen – Schule.at | | Contra Lateinunterricht: Weniger Antike, mehr Zukunft in die Schulen – Kommentare der anderen – derStandard.at › Diskurs | Neue Lehrpläne: Weniger Latein und mehr KI geplant – news.ORF.at | Latein kürzen? Lieber eine Bildungsreform, die wir brauchen – Kommentare der anderen – derStandard.at › Diskurs | Jelinek, Handke, Zeilinger: Prominente gegen Lateinkürzung – Schule.at | Was geht bei der Kürzung des Lateinunterrichts verloren? – Bildung – derStandard.at › Inland | „Auffassungsunterschiede mit Ministerium“: Latein-Lehrplangruppe tritt geschlossen zurück – DiePresse.com | Mehr KI, längere Volksschule: Wiederkehr hält an Reformvorstößen fest – news.ORF.at | „Kein Rückzieher“: Wiederkehr verteidigt Lehrplanänderungen – DiePresse.com | Wiederkehr: Österreichs Schulen bekommen „Mittleres Management“ | Kurier

0 Kommentare

Antworten

© 2026 Weltbund Österreich | Impressum | Datenschutz

Mit Zugangsdaten anmelden

oder    

Benutzerdaten vergessen?

Benutzerkonto anlegen

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.