Mit der Inbetriebnahme der Koralmbahn am 14. Dezember 2025 begann im Süden Österreichs ein neues Kapitel moderner Bahn-Infrastruktur. Die 130 Kilometer lange Hochleistungsstrecke zwischen Graz und Klagenfurt ermöglicht erstmals eine Fahrzeit zwischen den beiden Landeshauptstädten von nur 41 Minuten – ein Bruch mit allen bisherigen Mobilitätsmustern und Verbindungsmöglichkeiten. Die neue Verbindung ist auf Geschwindigkeiten bis zu 250 km/h ausgelegt und erhöht das Fernverkehrsangebot schlagartig um rund 30 Prozent. Damit wird ein jahrzehntelanges Bauvorhaben abgeschlossen, das seit 1995 geplant und in den vergangenen drei Jahrzehnten etappenweise umgesetzt wurde.

Auch die Anreise zur Weltbundtagung 2026 in Klagenfurt wird durch die neue Verbindung erleichtert – so beispielsweise mit dem Flugzeug nach Graz oder Wien und über die neue Bahnstrecke in die Kärntner Landeshauptstadt.
Herzstück des Milliardenprojekts ist der 32,9 Kilometer lange Koralmtunnel, dessen zwei eingleisige Röhren mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet sind. Sie werden durch regelmäßige Querschläge verbunden, die im Ernstfall als Fluchtwege dienen. Der Tunnelbau erforderte rund sechs Millionen Kubikmeter Gesteinsausbruch, wobei vier Millionen Kubikmeter wiederverwendet wurden – etwa für Lärmschutzwälle und Bahndämme. Seit Juni 2023 durchfuhren erste Testzüge den Tunnel. Es folgten monatelange Trainingsfahrten, Sicherheitsschulungen und groß angelegte Notfallübungen mit Einsatzkräften.

Auch außerhalb des Tunnels setzt die Strecke neue Maßstäbe. Erstmals verzichtet ein österreichischer Neubau dieser Größe vollständig auf klassische Signale – stattdessen übernimmt das European Train Control System (ETCS) die vollständige digitale Steuerung und Überwachung der Züge. Rund 800 Lokführerinnen und Lokführer wurden eigens dafür geschult und legten im Probebetrieb mehr als 100.000 Kilometer zurück. Parallel dazu wurde die neue Infrastruktur – darunter 12 Tunnel, 15 Bahnhöfe und Haltepunkte sowie ein Güterbahnhof – technisch abgenommen und schrittweise auf den Echtbetrieb vorbereitet.

Lieferant eines Großteils der Gleisinfrastruktur war Voestalpine Railway Systems in Donawitz. Das Unternehmen produzierte auch die umfangreiche Überwachungstechnik für die 290 Kilometer umfassenden Gesamtanlagen der Koralmbahn. Die Spezialschienen sind für die hohen Geschwindigkeiten der Strecke ausgelegt. Trotz dieser technischen Erfolge blickt die Region auch auf schwierige Monate zurück: Nach jüngsten Stellenabbau-Ankündigungen an anderen Voest-Standorten wird nun auf Sozialpläne gehofft und versucht, Fachkräfte in der Region zu halten.
Die Koralmbahn ist nicht nur ein nationales Infrastrukturprojekt, sondern Teil eines europäischen Gesamtkonzepts: Sie bildet das Kernstück der neuen Südstrecke und schließt Österreich an den Baltisch-Adriatischen Korridor an, der von Polen über Österreich bis nach Italien reicht. Das 13-Milliarden Euro umfassende Gesamtprojekt inkludiert Neubauten und Modernisierungen auf 370 Kilometern Strecke sowie 90 modernisierte Bahnhöfe. Gemeinsam mit dem Semmering-Basistunnel, der 2030 in Betrieb gehen soll, werden künftig noch kürzere Verbindungen möglich sein – Wien und Klagenfurt werden dann durch eine 2:40-Stunden-Direktverbindung verbunden.

Die neue Koralm-Strecke eröffnet auch den Universitäten in Graz und Klagenfurt neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Gemeinsam könnte man durch die neue Bahnverbindung dem infrastrukturstarken Donauraum gleichkommen. Peter Riedler, Rektor der Uni Graz, meint es gehe dabei „darum, sehr stark aufzuzeigen, welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es, welche Forschungskooperationen gibt es im Süden, in Graz, aber auch in Klagenfurt. Es geht um eine gewisse Effizienzsteigerung. Wir werden sicher danach trachten, auch Parallelitäten stärker zu vermeiden im Sinne Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit, aber auch Effizienz der Ausbildung. Gemeinsam auch den Studierenden die Möglichkeit zu geben, hier an beiden Standorten zu studieren, zu arbeiten ist, glaube ich, eine sehr große Chance für uns“, so Riedler.
Neben den vielen großen Vorteilen, bereitet die neue Strecke im Süden Österreichs allerdings auch einige Herausforderungen für einzelne Regionen. Besonders stark betroffen vom Wandel ist St. Paul im Lavanttal. Der Ort, bislang abseits der großen Verkehrsströme gelegen, wird durch die neue Hochleistungsstrecke zu einem Knotenpunkt zwischen Graz und Klagenfurt. Fernverkehrszüge halten künftig regelmäßig, wodurch der Ort in den Fokus neuer Pendler- und Mobilitätsströme rückt. Bei einer öffentlichen Diskussion im örtlichen Gasthaus wurden Chancen und Sorgen deutlich: Während die Gemeinde auf neue Besucher und wirtschaftliche Impulse hofft, wünschen sich lokale Unternehmer mehr konkrete Angebote und raschere Entscheidungen – insbesondere bei Betriebsansiedelungen.
Zwar verweist die ÖBB darauf, dass Freizeit- und Zusatzangebote bereits digital mit Tickets kombinierbar seien, doch in der Region werden zusätzliche Schritte gefordert. Noch fehlen ausreichend Gewerbeflächen, nachdem Grundstücksverkäufe teilweise stocken. Die Widmung für einen geplanten Industriepark am Bahnhof ist abgeschlossen, der Baustart für übernächstes Jahr vorgesehen. Vertreterinnen aus Wirtschaft und Jugend verwiesen jedoch darauf, wie wichtig es sei, rasch Arbeitsplätze zu schaffen, um Abwanderung zu verhindern und junge Menschen langfristig in der Region zu halten.

Während im Güterverkehr bereits seit November Züge über die neue Strecke rollen, wartet der Personenverkehr gespannt auf den 14. Dezember. Ab März 2026 ergänzt der private Verkehrsanbieter Westbahn das Angebot um fünf tägliche Fahrten. Zwei Tage vor Betriebsstart feiern Graz und Klagenfurt die Eröffnung mit einem großen Fest. Danach beginnt der Regelbetrieb – und mit ihm ein neues Mobilitätszeitalter für die gesamte Südstrecke.
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Quellen: Koralmbahn eröffnet neue Perspektiven für Kärntens Tourismus | Koralmbahn: „Aufbruch oder Stillstand“ – kaernten.ORF.at | Koralmbahn : In 41 Minuten von Graz nach Klagenfurt | Schienen der Koralmbahn von Voestalpine – steiermark.ORF.at | Jahrhundertprojekt Koralmbahn: Der Countdown bis zur Eröffnung | Eröffnung Koralmbahn – Südstrecke | ÖBB: Auf die Strecke, fertig, los! – ÖBB | Universitäten sehen Koralmbahn als Chance – steiermark.ORF.at

