Nach seinen Büchern über das Böse und die Rache widmet sich Psychiater Reinhard Haller in seinem neuen Buch dem Hass. Das schlimmste menschliche Gefühl. Das nur Unheil schafft, in seiner immensen Destruktivität. Für jene, die Hass ausgesetzt sind und für die Hassenden selbst. So Hallers Conclusio zu seinem neuen Buch: „Die dunkle Leidenschaft – Wie Hass entsteht und was er mit uns macht.“ Hass. Eine Empfindung, die krank macht, die immer Zerstörung bringt, die niemals reinigend wirken kann. Hass. Ein „Phänomen“, bislang kaum beleuchtet von Psychiatern.

Wenn Liebe zu tiefer Abneigung wird

„Weil“, wie Haller aus seiner jahrzehntelangen beruflichen Erfahrung weiß, „Hassende kaum dazu bereit sind, über das Böse in Ihnen zu sprechen, und sie es zudem in seiner Dimension nicht erkennen.“ Wodurch entsteht Hass? „Häufig durch Kränkung, durch Zurückweisung, durch Enttäuschung.“ „I hate you, I hate you, oh my God, I love you – Ich hasse dich, ich hasse dich, oh mein Gott, ich liebe dich.“ Eine Textstelle aus einem Lied des US-amerikanischen Rocksängers Kurt Cobain. Können Liebe und Hass tatsächlich nebeneinander existieren? Entspricht es der Wahrheit, dass gerade besonders intensive Liebe nicht selten in unendlichen Hass umschlägt? Haller: „Schon in der Bibel steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Was bedeutet: Auch nicht mehr. Wer also seinen Partner über sich erhebt, verfügt in der Regel über einen zu geringen Selbstwert. Und im Falle einer Trennung besteht dann die Gefahr, dass die bis dahin überbordende Zuneigung zu einer über allem stehenden Abneigung wird.“

Wodurch für die Hassenden eine fatale Spirale nach unten entsteht. „Sie fressen ihre grauenhaften Gefühle in sich hinein, verstricken sich darin. Werden in ihrem Unglück zunehmend zu Gefangenen ihrer Gedanken. Und entwickeln irgendwann sogar psychosomatisch bedingte Leiden.“ Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Bandscheibenprobleme. Wie den Betroffenen helfen? „Mit Therapien. In denen sie langsam lernen, sich zu schätzen, zu lieben.“ Geschehen solche „Umpolungen“ nicht, besteht ein hohes Risiko für Suizid. „Der ausgeprägtesten Form des Hasses – nämlich gegen sich selbst.“ Hass. Seine „Spielarten“ können weitreichend sein. Wenn die primitivste Form der Aggression ganze Bevölkerungsgruppen betrifft. Wenn von Diktatoren, Terroristen, Verblendeten Hass bewusst geschürt wird, um Mitstreiter für entsetzliche Ideen zu bekommen. Aktuell zeige der Krieg in der Ukraine, „wie Menschen nachhaltig zu der Auffassung manipuliert werden, sie würden auf der guten Seite stehen – obwohl in deren Namen Schreckliches geschieht“.

Öffentliche Hinrichtungen – unter Beifall

„Putin“, erklärt Haller, „hat die Überfallenen als drogensüchtige Nazis, die zum Eigenschutz unbedingt bekämpft werden müssten, stilisiert. Und – laut Umfragen – scheinen 70 Prozent der Russen seinen falschen Behauptungen Glauben zu schenken.“ Die Strategie, bestimmte Personen und Ethnien zu Feinden – und folglich zu Hassobjekten zu machen – hat eine lange Geschichte. Als erschütternde Beispiele dafür nennt der Psychiater in seinem Buch – etwa auch – öffentliche Hinrichtungen, „die bis jetzt in manchen Kulturen stattfinden.“ Und Beifall auslösen. Genauso wie bereits der Terroranschlag vom 11. September 2001 mit über 3000 Toten in den USA. Die Täter hatten – wie ihre Gesinnungsbrüder – gedacht, mit ihrem Verbrechen, das Richtige zu tun; so stark, dass sie sogar dazu bereit waren, für ihre fanatischen Anschauungen zu sterben. Wie ist es möglich, Männer und Frauen zu Attentätern zu machen? „Indem sie Gehirnwäschen unterzogen werden.“ Können solche bei jedem von uns funktionieren? Hallers erleichternde Antwort: „Davon gehe ich nicht aus.“

Vom Opfer zum „Hater“

Unter welchen Umständen wir aufwachsen, wie wir im Kindesalter behandelt werden, ob wir zu dieser Zeit Empathie vermittelt bekommen oder Gewalt erfahren, spiele schließlich eine bedeutende Rolle dabei, ob wir letztlich als „Hater“ prädestiniert gelten. Ein Drittel der Menschen, das belegen Untersuchungen, sei diesbezüglich disponiert; einige wenige davon wegen Veränderungen im Gehirn. In dem Zentrum, in dem das Mitgefühl „sitzt“; und in einem Bereich, der durch diverse Krankheiten Schäden davontragen kann. Der – zum Teil tiefsitzende, auf verschiedene Ebenen lenkbare – umfassende Hass zeige sich im Heute deutlich mit verabscheuungswürdigen Postings im Internet. Die in der Pandemie zugenommen haben. „Und gleichzeitig ist“, so Haller, „die Bereitschaft angestiegen, die Regierung bei Demonstrationen wegen der durch Corona notwendig gewordenen Maßnahmen anzugreifen, zum Feind zu schablonisieren.“

Die Gründe dafür sieht der Psychiater hauptsächlich in Furchtgefühlen. Im konkreten Fall in der Furcht, arbeitslos zu werden und in der Folge einen gesellschaftlichen Abstieg zu erleiden. In der Furcht, zu vereinsamen. In der Furcht, unfrei zu werden. „Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Angst ein Auslöser für Hass ist.“ Was bei allen Hassenden – egal, aus welchem Antrieb – gleich bleibt: Sie entmenschlichen ihre Opfer. Sie machen sie zu Schuldigen. In ihrem Fanatismus, ihrem Narzissmus, ihrer Gekränktheit. In ihrer Unzulänglichkeit, eigene schlimme Erlebnisse in einer adäquaten Weise aufzuarbeiten.

Quellen:

https://www.krone.at/2724199

https://www.sn.at/panorama/wissen/warum-dieser-hass-122772103

https://www.salzburger.online/die-faszination-des-boesen/

https://www.sn.at/panorama/wissen/psychiater-reinhard-haller-eine-tendenz-zum-hass-hat-jeder-122773585

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