Die neue Dauerausstellung begleitet sie mit ihrer Expertise für die angewandte Kunst und die historischen Wohnräume von Franz Grillparzer und Adolf Loos sowie den Pompejanischen Salon und das Arabische Zimmer.

Du kommst aus einer Sitzung, worum ging es?

Ich komme aus der Ankaufs- und Schenkungssitzung. Sie findet mehrmals im Jahr statt und wir Kurator*innen stellen unsere Vorschläge und Angebote zur Sammlungserweiterung vor. Es gehört zu unseren Aufgaben, die Sammlung unseres Museums weiter auszubauen.

Wie läuft das ab?

Wir diskutieren im Plenum, was in die Sammlung aufgenommen werden soll. Und schließlich müssen wir auch Preisverhandlungen führen. Bei der heutigen Sitzung habe ich grünes Licht bekommen für eine Transportkiste mit Geschirr aus dem Restaurant Leidinger. Arthur Schnitzler hat sehr oft dort gegessen. Das Restaurant hat „Diners außer Haus“ angeboten, die Transportkiste mit Fleisch- und Suppentellern ist für dieses Catering-Angebot gemacht worden.

Die neue Dauerausstellung begleitet Eva-Maria Orosz mit ihrer Expertise für die angewandte Kunst und die historischen Wohnräume von Franz Grillparzer und Adolf Loos sowie den Pompejanischer Salon und das Arabische Zimmer. Foto: Kollektiv Fischka

Du hattest 2021 einen großen Ankauf, das Archiv der „Section N.“, Wiens ersten Concept-Store, vor 50 Jahren von Katarina und Peter Noever eröffnet.

Ja, so umfangreiche Ankäufe machen wir nicht alle Tage. Im Vorfeld haben wir auch in diesem Fall gemeinsam nachgedacht und Argumente auf den Tisch gelegt. Am Ende entscheidet natürlich die Direktion über eine Erwerbung, schließlich geht es auch um das Profil des Hauses. Wir sind ein Universalmuseum und wir schauen aus stadthistorischer Perspektive auf Objekte. Damit grenzen wir uns von anderen Museen und ihren Sammlungstätigkeiten ab. Nach einem Ankauf kommt stets eine lange Nachbereitungsphase. Das heißt, alle Objekte, hier mehrere Tausend, in das Depot transportieren zu lassen, dann inventarisieren, fotografieren und auswerten.

„Section N.“, Wiens ersten Concept-Store, vor 50 Jahren von Katarina und Peter Noever eröffnet. Foto: Eduard Hueber, archphoto

Bist Du auf Katarina Noever zugegangen?

In diesem Fall sie auf mich. Sie hat mich angeschrieben und wir haben uns anschließend zusammengesetzt, das Material angesehen und verhandelt. Oft akquirieren ich und meine Kolleg*innen auch aktiv. Das heißt, dass wir zum Beispiel Sammler, Antiquare oder Firmen ansprechen. Wir beobachten natürlich auch den Wiener Kunst- und Antiquitätenmarkt.

Dein Sammlungs- und Forschungsbereich ist „angewandte Kunst und Möbel“.

Ja, darunter verstehen wir kunsthandwerklich gefertigte Gegenstände des Alltages, die einen künstlerischen Wert haben. Heute habe ich mich zum Beispiel mit einer Monstranz aus dem Jahr 1759 beschäftigt. Einer ganz bedeutenden Arbeit der Wiener Goldschmiedekunst. Ich arbeite aber auch zu Design im 20. Jahrhundert.

Bist Du auf bestimmte Epochen spezialisiert?

Meine Schwerpunkte liegen im 19. und 20. Jahrhundert. In der Museumsarbeit entwickeln sich Forschungsschwerpunkte weitgehend aus dem Bestand des Museums. Eine wichtige Aufgabe ist es ja, über das Sammlungsgut Auskunft geben zu können und Forschung zu betreiben. So widme ich mich bei meiner Arbeit für die neue Dauerausstellung auch der mittelalterlichen Glasmalerei.

Otto Wagner war Deine letzte Ausstellung, die Du gemeinsam mit Andreas Nierhaus kuratiert hast. Sie zeigte ihn nicht nur als Architekten, sondern auch als Innenausstatter und Möbeldesigner.

Ich habe Wagners Entwürfe für Alltagsgegenstände untersucht, also Metall- und Holzmöbel und Tafelgeschirr aus Silber und Porzellan. Es war spannend, seine Zeichnungen und Gegenstände zu studieren und seine Gestaltungsideen zu verfolgen. So wie ein Haus für den Architekten praktisch und funktionell sein muss, so ist auch der Hausrat Wagners, vom Mokkaservice bis zur Gabel, funktionell und folgt einer Idee – den Gegenstand verbessert und modernisiert zu haben. An der Ausstellung hat mich auch begeistert, wieder einmal über Architektur zu forschen.

Interessant fand ich sein „Absteigquartier“ in der Köstlergasse, wo er Schlafzimmer und Badezimmer öffentlich ausgestellt hat. Gibt es die Wohnung noch?

Ja, die Wohnung gibt es noch, ich war erst vor ein paar Wochen dort. Und ich war ganz erstaunt, dass an den Stuckdecken noch die originale Farbe von 1900 vorhanden ist. Etliche Möbel aus der Wohnung sind in Museen gelangt, es taucht aber auch immer wieder etwas Verlorengeglaubtes aus Privatbesitz auf!

Oswald Haerdtl, der Architekt des Wien Museums, wurde zuerst mit Kunsthandwerk und Design bekannt. Als Architekt trat er erst nach dem Krieg in Erscheinung.

Er hat an der Kunstgewerbeschule Architektur studiert und später auch selbst gelehrt. Seine ersten Arbeiten waren Ausstellungsgestaltungen, dann Geschäftseinrichtungen, Gebrauchsgegenstände und mit der Zeit kamen Aufträge für Bauten. Er war Mitarbeiter und schließlich Kompagnon von Josef Hoffmann, der ein unermüdlicher Gestaltender war. Die Architekt*innen haben früher auch deshalb so viel selber entworfen, weil der Handel ihnen einfach nichts Adäquates und Zufriedenstellendes geboten hat. Stattdessen gab es in Wien eine Fülle von Werkstätten und Handwerkern, die ihre Vorstellungen und Zeichnungen umsetzen konnten. Heute können die Architekt*innen wiederum aus einer Fülle an Einrichtungsobjekten und -designs wählen.

Die Haerdtl-Direktion. Foto: Ronny Wessling

Besonders schön kann man Haerdtls Design in der Haerdtl-Direktion sehen, die gerade ausgebaut im Depot liegt und nach ihrer Restaurierung wieder 1:1 eingebaut wird.

Die Direktion bestand aus drei Räumen: das Zimmer des Direktors, das Sekretariat mit zwei Arbeitsplätzen und ein klitzekleines Vorzimmer, bei dem die Decke abgehängt war, um den darüber liegenden Stauraum als Archiv zu nützen. Franz Glück war während des Museumsbaus in den 1950er Jahren Direktor und wir können davon ausgehen, dass das Büro auf ihn zugeschnitten wurde. Die Räume der Direktion wurden von 1959 bis 2004 unverändert benutzt. Dann wurde das benachbarte Winterthurgebäude angemietet und die Direktion ist dorthin umgezogen. Die Haerdtl-Direktion ist Teil des Verwaltungstrakts und soll dann ab 2023 wieder benutzt werden, als Besprechungsraum oder für besondere Empfänge und Events. Die historischen Wohnräume in der neuen Dauerausstellung sind dagegen reine Schauräume.

Kommen wir zu diesen: In der neuen Dauerausstellung werden drei berühmte Zimmer, bereits Herzstücke der alten Ausstellung, zu sehen sein. Sie fallen in Deinem Zuständigkeitsbereich. Fangen wir mit dem Ältesten an, dem Grillparzer-Zimmer von 1849.

Franz Grillparzer hatte eine Universalerbin bestimmt, Katharina Fröhlich, bei der er in Untermiete wohnte. Sie übernahm alle seine Manuskripte, seine Bibliothek, sein gesamtes Inventar. Sie hat seinen Nachlass der Stadt Wien angeboten mit der Auflage, dass dieser im Rahmen eines Grillparzer-Zimmers im Museum ausgestellt wird. Die Stadt Wien war sich natürlich der Bedeutung des Nationaldichters bewusst und hat die Schenkung angenommen. So kam die Grillparzer-Wohnung zu uns, damals noch das historische Museum der Stadt Wien im Rathaus. Die Leute haben Grillparzer sehr geschätzt, sind ins Museum gekommen und waren förmlich ergriffen, ihm so nahe sein zu können. Im Laufe der Jahrzehnte wurden mehrere Grillparzer-Ausstellungen gemacht. Die Grillparzer-Forschung hat im historischen Museum der Stadt Wien, das damals noch mit der Rathausbibliothek und Handschriftensammlung verbunden war, angefangen.

Um die Grillparzer-Wohnung stärker in die Erzählung der neuen Dauerausstellung einzugliedern, sieht nun das kuratorische Konzept von Elke Doppler und Walter Öhlinger vor, den Fokus auf seine Lebenswelt zu legen.

Die Wohnung wird ein Beispiel für Wohnverhältnisse im Wiener Biedermeier sein. Ins Visier genommen wird jetzt Grillparzers Leben, weniger sein Werk und sein Denken und die Bedeutung, die er durch dieses in der Literaturgeschichte errungen hat. Gezeigt wird der Raum, in dem Grillparzer geschlafen und geschrieben hat und auch verstorben ist. Die gesamte Wohnung wird über eine 3D-Animation dargestellt.

Restauratorin Christina Kapeundl arbeitet am Pompejanischen Salon. Fotos: Ina Aydogan

In Himberg wird gerade der Pompejanische Salon restauriert, über ihn und die Restaurierungsarbeiten gibt es einen ausführlichen Text in den Werkstattblicken. So können wir gleich zum Loos-Zimmer kommen.

Direktor Franz Glück war ein Loos-Forscher und hat das Wohn- und Kaminzimmer aus dem Jahr 1903 angekauft, um es im neuen Museum am Karlsplatz permanent auszustellen. Die Rekonstruktion hat er gemeinsam mit Haerdtl entwickelt. Sie haben die Rekonstruktion so konzipiert, dass man das Wohn- und Kaminzimmer frontal angesehen hat – es war wie der Blick auf eine Bühne. Jetzt wird es anders sein: Nun betritt man das Wohnzimmer vom ehemaligen Vorzimmer aus, geht durch das Wohnzimmer durch und verlässt es bei einer anderen Tür – bei der Tür zum berühmten Schlafzimmer seiner Frau Lina.

Und die Zimmer werden neu kontextualisiert?

Heute wird nicht mehr ausschließlich die Innenarchitektur von Loos zum Thema gemacht. Heute wird auch seine Rolle als Kulturkritiker beleuchtet, seine Liebesbeziehungen und Ehen. Und natürlich wird auch das Gerichtsverfahren von 1928 angesprochen, in dem Loos sexueller Missbrauch von Minderjährigen angelastet wurde. Ich arbeite mit den Restaurator*innen und den Gestaltern an der neuerlichen Rekonstruktion der Räume. Wir klären, welche Teile Originale aus 1903 sind. Wir müssen entscheiden, in welcher Form Ergänzungen hergestellt werden sollen. Ich habe bei Loos dafür plädiert, dass ein historischer Fußboden verlegt wird, der zeigt, welche bauliche Veränderungen Adolf Loos vorgenommen hat.

Das Arabische Zimmer. © Schallaburg, Foto: Klaus Pichler

Durch Dich neu dazugekommen ist das Arabische Zimmer?

Vor einigen Jahren haben wir ein Arabisches Zimmer als Schenkung übernommen, das seit über 110 Jahren nicht verändert und sehr gut gepflegt wurde. Wir stellen jetzt nur einen Teil davon aus, den Erker, der aber die gesamte Atmosphäre eines arabischen Zimmers wiederzugeben vermag. Das Interesse an arabischen Interieurs war nach der Wiener Weltausstellung 1873 sehr groß, sie hat eine richtige Modewelle ausgelöst. Damals kam auch der Orientteppich in Mode. Es war nicht unüblich, ein orientalisches Zimmer oder Versatzstücke daraus zu haben, es gab in Wien mehrere große orientalische Geschäfte, wo man alles Notwendige einkaufen konnte. Das Zimmer in unserem Museum ist das einzige erhaltene Exemplar aus dem Wiener Bürgertum.

Eine Abschlussfrage: Wenn man beruflich mit so vielen schönen Dinge zu tun hat, sammelt man da auch privat?

Ich beschäftige mich mit Designfragen und Objekten des Kunstgewerbes, aber privat bin ich kein Mensch, der gerne Dinge sammelt.


Eva-Maria Orosz, geboren 1969 in Wien; Studium der Kunstgeschichte und Geschichte in Wien; seit 1996 Mitarbeiterin im Historischen Museum der Stadt Wien; FWF-Projekt zu Architekt Ernst A. Plischke; Mitarbeit im Forschungsprojekt zur romantischen Burgveste Franzensburg in Laxenburg; seit 2004 Kuratorin im Wien Museum mit der Sammlungszuständigkeit: Kunstgewerbe und Möbel, Interieurs, Design. Kunst- und Kulturhistorische Ausstellungen, u.a. Breiter Geschmack. Goldscheider eine Weltmarke aus Wien (2007), Soliman. Ein Afrikaner in Wien (2011), zuletzt, jeweils gemeinsam mit Andreas Nierhaus, Werkbundsiedlung Wien 1932. Ein Manifest des neuen Wohnens (2012) und Otto Wagner (2018). Zahlreiche Publikationen und redaktionelle Beiträge.

© Wien Museum 2022

Quelle:

https://www.wienmuseumneu.at/vorgestellt/eva-maria-orosz

Mag. Konstanze Schäfer
Projektkommunikation Wien Museum Neu
Wien Museum
T: +43 (0)1 505 87 47-84072
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E: konstanze.schaefer@wienmuseum.at

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