Rudolf Anschober Foto: BKA

Einer der erfahrensten Grünen scheidet aus der Regierung aus. Er war engagiert, manchmal überlastet, hatte Hochphasen und so manches Tief.

Seit Wochen war er ein Wackelkandidat in der Regierung. Immer wieder hieß es: Geht er womöglich? Oder, weniger charmant: Steht der das durch? Die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand häuften sich. Er hatte im vergangenen Jahr einen der härtesten Jobs im Land. Seine Arbeitstage waren lang und pausenlos, die Entscheidungen weitreichend, auch die Kritiker laut. Am Dienstag (13.April) gab Gesundheitsminister Rudolf Anschober nun seinen Rücktritt bekannt. Mit gebrochener Stimme erklärte er bei einer Pressekonferenz in seinem Haus, dem Sozialministerium, dass er seine Funktion vor 15 Monaten mit großer Freude angetreten habe – aber nun nicht mehr könne. Er habe alles gegeben, aber fühle sich nicht mehr „voll fit“. „Mir ist die Kraft ausgegangen“, sagt Anschober. Steigender Blutdruck, beginnender Tinnitus, vor einem Monat ein Kreislaufkollaps. Es gehe nicht mehr. Zumindest kurzfristig. Doch die Pandemie mache keine Pause. Das könne deshalb auch der Gesundheitsminister nicht.

Anschober ist ein grünes Urgestein. Der 60-Jährige wuchs in Oberösterreich, in Schwanenstadt, auf. Sein Vater war ÖVP-Politiker. Ein politischer Weg, mit dem Anschober nicht viel anfangen konnte. Der gelernte Volksschullehrer war ein Grüner erster Stunde, sozialisiert durch die Anti-Atom-Bewegung und in der damals neuen Ökopartei ging es steil bergauf für ihn.

Zwölf Jahre Schwarz-Grün

Im November 1990 zog Anschober als grüner Abgeordneter in den Nationalrat ein. Er wurde Sprecher für Verkehr, Sicherheit und atomare Fragen. Sieben Jahre später kehrte er nach Oberösterreich zurück. Anschober wurde Klubobmann im Landtag. Im Jahr 2003 führte er die Grünen in ihre erste Landesregierung mit der ÖVP. Zwölf Jahre lang verantwortete er schließlich unter Landeschef Josef Pühringer die Agenden Umwelt und Energie.

Der Job brachte Anschober schon damals zum ersten Mal an seine Grenzen. Im Herbst 2012 wurde bei ihm ein Burnout diagnostiziert. „Mein Erschöpfungszustand ist so massiv, dass die einzig zielführende Therapie eine absolute Schonung nötig macht“, sagte Anschober damals. Es folgte eine Auszeit. Eine, die er sich heute nicht nehmen könne. Bei seinem Rücktritt als Minister betonte er: Ein Burnout sei das diesmal nicht. Denn mit diesem wäre er nicht in der Lage gewesen, eine öffentliche Erklärung abzugeben. Er sei einfach erschöpft und überlastet, nicht mehr, nicht weniger. Und weil die Republik in dieser Gesundheitskrise einen gesunden Gesundheitsminister brauche, der auch 100 Prozent geben könne, ziehe er sich nun zurück.

Als Pühringer 2015 eine Koalition mit den Freiheitlichen einging, blieb Anschober Landesrat für Umwelt und auch für Integration. Das neue Thema machte ihn schließlich endgültig bundesweit bekannt. Anschober stampfte die Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ für Geflüchtete aus dem Boden, die auch in Wien und über Parteigrenzen hinweg viel Aufmerksamkeit bekam.

Von Anfang an Ministerkandidat

Sein Engagement brachte ihm innerhalb der Grünen großes Renomee ein und verlieh ihm politisches Gewicht. Das grüne Urgestein spielte bei den türkis-grünen Koalitionsverhandlungen eine tragende Rolle und galt von Anfang an als Ministerkandidat.

In der Pandemie wurde Anschober nun zu etwas, das er unter Umständen nie hätte werden sollen: dem obersten Gesundheitsmanager des Landes. Als er seinen Job im Jänner des Vorjahrs antrat, war er in erster Linie Sozialminister mit vielen Plänen, erst danach kam der Gesundheitsressortchef, für den er keine fachspezifische Qualifikation mitbrachte. Die Corona-Krise stellte alles auf den Kopf.

Durch seine Rolle als wichtigster Minister, als Kopf der Pandemie, bekam er auch parteiintern einen neuen Status: Er war der Mann der Grünen in der Regierung, zeitweise der mit Abstand beliebteste Grünen-Politiker im Land. Alle Augen waren auf Anschober gerichtet, Parteichef Werner Kogler rückte in den Hintergrund. Das war ihm nicht unangenehm, aber wohl manchmal etwas viel. Der Oberösterreicher ist deutlich strapazierfähiger, als er oft wirkt.

Kein leichter Koalitionspartner

Mit der ÖVP hatte Anschober es oft nicht einfach. Er selbst hat darüber nie in klaren Worten beklagt. Anschober, der Diplomat, der er ist und vor allem immer sein wollte, blieb lediglich bei Andeutungen. Gerade sein Verhältnis zu Kanzler Sebastian Kurz verteidigte er gerne und ambitioniert: Man ziehe an einem Strang, wenn es um die Krise gehe. Punkt. Im Hintergrund liefen dennoch politische Spielchen, denen das ministeriell-taktisch unerfahrene Kabinett Anschobers nicht immer gewachsen war. Die ÖVP hatte dem Team von Anschober jahrelange Erfahrung, vielleicht auch eine gewisse Abgebrühtheit voraus. In seiner Abschiedsrede erwähnte Anschober den Koalitionspartner mit keinem einzigen Wort.

Anschober hatte Hoch- und Tiefphasen in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Pandemiemanagement lief alles andere als reibungslos. Die zweite Corona-Welle traf Österreich deutlich härter als andere Länder. Auch beim Impfen hinkt das Land hinterher.

Insbesondere vor der zweiten, heftigen Welle der Pandemie wurde immer wieder darüber spekuliert, ob er vielleicht irgendwann Bundespräsident werden könnte, wenn Alexander Van der Bellen nicht mehr möchte. Anschober selbst hat stets bestritten, das werden zu wollen. In Gesprächen hat er immer wieder betont: Wenn er irgendwann nicht mehr Gesundheitsminister ist, freue er sich vor allem auf eines – etwas Ruhe.

Anschober will „irgendwann“ Politroman schreiben

Für die Zeit nach seiner Erholung hat Anschober „noch keine konkreten Pläne“. Er werde sein Wissen und seine Kompetenz aus jahrelanger Regierungstätigkeit, unter anderem als Landesrat in Oberösterreich, weitergeben. Auch wolle er „irgendwann“ seinen Traum erfüllen und einen politischen Roman schreiben. Dafür habe er in seiner Zeit als Minister wohl „die eine oder andere Inspirationsquelle“ gefunden.

Am Ende seines emotionalen Statements bedankte sich Anschober bei seiner Partnerin, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dem grünen Regierungsteam und dem grünen Klub sowie Parteichef Werner Kogler, „meinem Freund“. Ein herzliches Dankeschön sprach Anschober auch all jenen Menschen aus, die ihm Mails, Briefe, Blumen und Mehlspeisen zugeschickt haben. „Und Ihnen sag ich auf Wiedersehen“, verabschiedete sich Anschober bei den Journalistinnen und Journalisten und verließ unter Applaus seiner Mitarbeiter den Saal.

Links:

Die Rücktrittsrede von Rudolf Anschober: https://www.derstandard.at/story/2000125795780/die-ruecktrittsrede-von-rudolf-anschober-ich-bin-ueberarbeitet-und-ausgepowert

https://www.derstandard.at/story/2000125781734/der-corona-workaholic-dem-die-kraft-ausging?ref=rec

https://www.derstandard.at/story/2000125785113/konsequenz-eines-alleingelassenen?ref=rec

https://orf.at/stories/3208994/

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