Nach 307 Schließtagen hat das Wiener Burgtheater wieder den Betrieb aufgenommen – mit Reden zu Afghanistan und mit einer Jelinek-Inszenierung von Frank Castorf.

Die CoV-Pandemie und ein Umbau sorgten mit 307 Tagen für die längste Schließzeit in der Geschichte des Burgtheaters. Am Sonntag, den 5. September wurde das Haus mit einer – durchaus politischen – Matinee feierlich wiedereröffnet.

Die neuen Sitze bieten tatsächlich mehr Beinfreiheit als früher, doch die aktuellen Anti-CoV-Regeln sind noch verbesserungswürdig. Das ist die Bilanz des ersten Lokalaugenscheins, den das Burgtheater am Sonntagmittag bei seiner Wiedereröffnung bot. Einsamer Höhepunkt der mit „Es geht um einen Augenblick“ betitelten Matinee, an der auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen teilnahm, war die Festrede der Autorin Nava Ebrahimi.

Burgtheater-Direktor Martin Kusej begrüßte zu der von Schlagzeugerin Michaela Brezovsky musikalisch begleiteten „kleinen Feierstunde“, zu der das Ensemble des Hauses einen rund 50-köpfigen Rainald-Goetz-Chor und Musiker Oliver Welter zwei Lieder seines neuen „Winterreise“-Programms beisteuerten. Er freute sich, dass die Verbesserung der Frischluftzufuhr und die Erneuerung des „altehrwürdigen, aber bereits ein bisschen durchgesessenen Mobiliars“ termingerecht abgeschlossen werden konnten.

Foto: pixabay / Wiener Burgtheater

Letzte Vorstellung am Tag des Wien-Anschlags

Zudem erinnerte er an die letzte Vorstellung vor der zunächst coronavirusbedingten Schließung, die Nacht des 2. November 2019, bei der nach der Terrorattacke die Zuschauerinnen und Zuschauer noch lange verharren mussten, ehe die Polizei für eine sichere Heimkehr garantieren konnte. Es sei einer der wichtigsten Abende seines Lebens gewesen, das Burgtheater habe sich dabei als Schutz- und Zufluchtsraum bewährt. „Es war weniger ein Raum der Angst und des Schreckens, so habe ich das damals erlebt, als einer der Gemeinsamkeit, der Zuversicht und der Solidarität.“

Am gleichen Tag hätten Terroristen in der Universität von Kabul 19 Menschen getötet – woran eine Installation aus Kerzen am Desider-Friedmann-Platz erinnert habe: „Kabul Wien“. „Auch heute sind wir gefordert, die Namen dieser zwei Städte wieder in einem Atemzug zu nennen und das Leid nicht zu übersehen. Also schutzbedürftigen Menschen aus Afghanistan nach Kräften Zuflucht und Hilfe und Perspektive zu bieten, und zwar nicht nirgendwo, sondern bei uns, in Wien, in Österreich.“ Dafür gab es viel Applaus.

Politische Rede von Ebrahimi

Darauf nahm auch Bachmannpreisträgerin Ebrahimi am Ende ihrer lange akklamierten, sehr politischen Rede Bezug: „Spätestens, allerspätestens mit dem, was wir in Moria, an allen EU-Außengrenzen, was wir in Afghanistan zulassen, haben wir jeglichen Anspruch auf moralische oder gar zivilisatorische Überlegenheit verwirkt. Bitte schminken wir uns jede Form von Überheblichkeit ab.“

Bachmannpreisträgerin Nava Ebrahimi hielt eine sehr politische Festrede

Davor hatte sich die in Teheran geborene, in Köln aufgewachsene und seit 2012 in Graz wohnende Autorin, die u. a. 2017 mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, ausführlich mit den Umständen ihrer Rede befasst – dem Verfassen, aber auch mit den Gründen, denen sie diesen Auftrag wohl verdanke – etwa als Frau und Migrantin, die „dem Patriarchat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten“ solle.

Impfaufruf per Tonbanddurchsage

Die Pandemie hinterlässt aber auch in dieser Saison noch Spuren: Burgtheater-Direktor Kusej bittet zu Saisonbeginn in einer Tonbanddurchsage vor Beginn der Vorstellungen das Publikum: „Lassen Sie sich impfen!“ Es sei obligatorisch, in den Häusern des Burgtheaters einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, man empfehle aber FFP2-Masken. Das „3-G-Regel“-Kontrollsystem ist jedoch noch nicht ganz ausgereift: Beim Abholen der reservierten Karten wird man umständlich kontrolliert, danach jedoch ohne Nachweis der bereits erfolgten Kontrolle wieder hinausgeschickt, um beim entsprechend zugewiesenen Eingang erneut kontrolliert zu werden. Das können andere Bühnen mittlerweile besser.

Die erste Burgtheater-Vorstellung mit der neuen Bestuhlung fand am Sonntagabend, den 5.9.2021 statt und gilt der „Maria Stuart“, die bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte. „Ich glaube, wir sehen uns dann wieder“, entließ der Direktor die Matineegäste in die Spätsommersonne.

Quellen:

https://wien.orf.at/stories/3120080/

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