SEIT 1703 EIN STÜCK ÖSTERREICH

Die „Wiener Zeitung“, die älteste Zeitung der Welt, begleitet unser Land seit 319 Jahren. Beethoven liebte das Blatt, Metternich hasste es, Hitler stellte es – vorübergehend – ein. Nun droht das Ende.

Ein Artikel geschrieben von Andrea Reisner.

Foto: Wiener Zeitungsarchiv

Österreich im Jahr 1703: Das Habsburgerreich befindet sich mitten im Spanischen Erbfolgekrieg. In Wien regiert Kaiser Leopold I. Es herrscht bittere Armut und strenge Zensur. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Das sind die schwierigen Bedingungen, unter denen am 8. August 1703 im Haus Zum Roten Igel zwischen Tuchlauben und Wildpretmarkt jenes Blatt aus der Taufe gehoben wurde, das heute „Wiener Zeitung“ heißt. Als älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt könnte sie der ganze Stolz einer Kulturnation sein. Könnte, wohlgemerkt. Denn derzeit plant die Bundesregierung, diesem 319 Jahre alten Kulturgut den Garaus zu machen. Die von der Republik Österreich herausgegebene Zeitung könnte bald Geschichte sein.

Anno 1703 trug die privat geführte Zeitung noch den Titel „Wiennerisches Diarium“ (seit 1780 heißt sie „Wiener Zeitung“). Ihr handliches Format war anfangs etwa halb so groß wie das der „Kronen Zeitung“. Der Umfang betrug meist acht dichtbedruckte Seiten. Bei der Auswahl der Nachrichten musste die Redaktion geschickt vorgehen: Es herrschte ja Zensur im Habsburgerreich, und zwar für alle. Kritik am Herrscherhaus war tabu. Um den Leserinnen und Lesern trotzdem packenden Stoff zu bieten, mussten sich die Blattmacher einiges einfallen lassen. So setzten sie unter anderem auf internationale Meldungen, bei denen der Zensor meist weniger Bedenken hatte. Über Verbrechen in Wien musste man weitgehend schweigen, aber ein Raubüberfall in Paris durfte ausführlich geschildert werden.

Die allererste Ausgabe aus 1703, als das Blatt noch „Wiennerisches Diarium hieß.

Für eine Ausgabe mussten Leserinnen und Leser Anfang des 18. Jahrhunderts tief in die Tasche greifen: Sie kostete etwa so viel wie ein Menü in einem guten Gasthaus. Kein Wunder, dass viele eine günstigere Möglichkeit zum Schmökern nutzten: Schon damals lag das „Diarium“ in Cafés auf. Bei einer Tasse Kaffee konnte die Zeitung gratis gelesen werden – genau wie heute.

Apropos heute: Das Blättern in den historischen Ausgaben der „Wiener Zeitung“ ist auch in der Gegenwart ein wahrer Hochgenuss. Geschichte zum Angreifen eben! Seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt die „Wiener Zeitung“ daher das Geschichtsfeuilleton „Zeitreisen“, das gemeinsam mit engagierten Leserinnen und Lesern auf Spurensuche im eigenen Archiv geht. 

Dort findet man zuweilen echte Schätze. Ein Beispiel: Am 25. Jänner 1783 inserierte ein gewisser „Herr Kapellmeister Mozart“. Er suchte für ein Werk Subskribenten, also Käufer, die im Voraus bestellten. Interessenten wurden aufgefordert, doch bitteschön beim Komponisten selbst in der Wiener Wipplingerstraße anzuklopfen: „Seine Wohnung ist auf der hohen Brücke im klein Herbersteinischen Haus . . . im dritten Stock.“ So der Original-Wortlaut aus der damaligen „Wiener Zeitung“.

Wolfgang Amadeus Mozart pflegte übrigens eine besondere Verbindung zur „Wiener Zeitung“ und ihrem einstigen Chefredakteur Conrad Dominik

Bartsch, mit dem er demokratische Ansichten teilte. Das Blatt förderte den Komponisten immer wieder. Schon 1768 brachte es einen Bericht von einem Konzert des damals 12-jährigen Wunderknaben in Anwesenheit der Regentin Maria Theresia. Es sollten noch viele lobende Artikel folgen.

Auch ein zweites Jahrhundert-Genie war auf Du und Du mit der „Wiener Zeitung“: Ludwig van Beethoven. Schon als der junge Musikus 1792 aus Bonn nach Wien zog, studierte er das Blatt mit einem Bleistift in der Hand. Er suchte nämlich ein Klavier und notierte sich passende Verkaufsannoncen. Später wurde er nicht nur ein enger Freund des damaligen „WZ“-Chefs Joseph Carl Bernard, sondern auch treuer Anzeigenkunde. Seine Werke inserierte Beethoven über Jahre hinweg in der angesehenen Gazette, die freilich nicht nur in Wien, sondern im ganzen Habsburgerreich und in allen Hauptstädten Europas gelesen wurde. 

Es war dies etwa in jener Ära, in der die „Wiener Zeitung“ um ihr Überleben kämpfte. Dem Fürsten Metternich war das Blatt ein Dorn im Auge. Nicht nur, weil es ihm zu liberal war, sondern auch, weil es lästige Konkurrenz für seine eigene Privatzeitung, den „Oesterreichischen Beobachter“, bedeutete. Also setzte er alles daran, die „Wiener Zeitung“ abzudrehen. Bekanntlich ohne Erfolg. Das Blatt überlebte, Metternich wurde 1848 gestürzt.

Unter Kaiser Franz Joseph – übrigens auch ein treuer „WZ“-Leser – wurde das bis dahin privat geführte Unternehmen 1857 verstaatlicht. Nach dem Ende der Monarchie 1918 hielt die junge Republik an dem einst kaiserlichen Blatt fest. Es war schwierig genug, nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs eine neue österreichische Identität zu finden. Da war die „Wiener Zeitung“ mit ihrer großen Vergangenheit Gold wert.

Die einzige Ära, in der die „Wiener Zeitung“ nicht erschien, war die NS-Zeit. Als Hitlers Truppen einmarschierten, war klar, dass das Blatt eliminiert werden würde. Immerhin war es schon damals ein uraltes, symbolträchtiges Stück Österreich. Der Jubel war groß, als es nach der Zwangspause 1945 wiederkehrte. Das 250-Jahr-Jubiläum 1953 feierte man mit einem Staatsakt, mit Bundespräsident Theodor Körner, Bundeskanzler Julius Raab und allen, die Rang und Namen hatten. Österreich ohne die „Wiener Zeitung“? Damals unvorstellbar. Anno 2022 sieht es anders aus: Der rot-weiß-rote Faden, der sich seit der Ära des Roten Igels 1703 bis in die Gegenwart zieht, könnte bald durchschnitten werden.

Dr. Andrea Reisner ist Leiterin der „Wiener Zeitung“-Geschichtsbeilage „Zeitreisen“.

Dr. Andrea Reisner

Foto: Luiza Puiu

Quelle: Krone Bunt vom 6. November 2022, S. 10 und 11.

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